Der Minister, die FAZ und die Amselfeldrede
Auszug aus "Die glorreichen Sieger. Die Wende in Belgrad und die wundersame Ehrenrettung deutscher Angriffskrieger" von Ralph Hartmann, erschienen 2001 im Karl Dietz Verlag Berlin
Doch wie steht es um die zweite Aussage des deutschen Verteidigungsministers, Milosevic habe am 28. Juni 1989 auf dem Amselfeld "von ´Großserbien´ und davon (gesprochen), daß dieses Land ein ethnisch reines sein solle"1, ein Vorwurf mit dem der NATO-Krieg und die gesamte vorangegangene Interventionspolitik der EU und der NATO in die innerjugoslawischen Konflikte seit 1990 gerechtfertigt wird? Auf den ersten Blick scheint es leicht zu sein, diese schwerwiegende Anschuldigung an die Adresse von Slobodan Milosevic zu überprüfen. Es sollte genügen, den Text der Rede des damaligen Vorsitzenden des Präsidiums der Sozialistischen Republik Serbien zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld, in der die vereinigten Heere Serbiens, Bosniens und Mazedoniens den türkischen Heerscharen unterlagen und der Balkan für Jahrhunderte der Osmanischen Fremdherrschaft geöffnet wurde, durchzusehen und die unsäglichen, chauvinistisch-rassistischen Passagen anzustreichen. Doch in vielen deutschen Medien und in nicht wenigen Sachbüchern zur Jugoslawienkrise findet der Suchende Meldungen der Nachrichtenagenturen, kommentierende Berichte, kritische Betrachtungen oder einige bruchstückhafte Auszüge, nicht jedoch den Wortlaut der Rede. Fündig kann er schließlich in einer seriösen deutschen Tageszeitung werden, in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", was nicht zwangsläufig bedeuten muß, daß andere Blätter die Ansprache nicht ebenfalls dokumentiert haben. In der F.A.Z. jedenfalls wurde der Text am 10. Jahrestag der Jubiläumsfeier auf dem Amselfeld, am 28. Juni 1999, veröffentlicht; unter der Überschrift "´Die Zeit der Erniedrigung Serbiens ist abgelaufen´. Mit einer von Chauvinismus durchwirkten Rede hat Milosevic vor zehn Jahren im Kosovo eine für den Balkan verhängnisvolle Entwicklung in Gang gesetzt", am Schluß versehen mit der Notiz: "Der Redetext wurde von der slowenischen Nachrichtenagentur STA übermittelt und unter Mitarbeit von Tamara Labas übersetzt."
Angesichts der Legenden, die nicht nur um die historische Schlacht, sondern auch um die 600 Jahre später gehaltene Ansprache des damaligen serbischen Präsidenten gewoben wurden, und der Bedeutung, die dieser in den Rang eines Schlüsseldokumentes erhobenen Rede beigemessen wird, lädt der Autor dieser Betrachtung die geschätzte Leserin, den geschätzten Leser ein, sich an der Suche nach den inkriminierten Aussagen zu beteiligen. Die F.A.Z. veröffentlichte unter der angeführten Überschrift folgenden Redetext:
"Freunde! Kameraden!
An diesem Platz, auf diesem Fleck im Herzen von Serbien, auf dem Amselfeld des Kosovo, fand vor 600 Jahren eine der größten Schlachten aller Zeiten statt. Wie bei allen großen Ereignissen blieb auch dieses von vielen Fragen und Geheimnissen geprägt, die immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und gewöhnlicher volkstümlicher Neugier waren.
Der 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld fällt auf ein Jahr, in dem Serbien seine nationale und geistige Integrität wiedererlangt hat. Deshalb ist es für uns nicht so schwer, die seit jeher gestellte Frage zu beantworten: ´Was können wir Milos, dem Helden der Schlacht auf dem Amselfeld, heutzutage präsentieren?´. Im ungewissen Lauf der Geschichte und des Lebens scheint es, daß Serbien in diesem Jahr 1989 sein Staatswesen und seine Würde zurückgewonnen und somit Grund hat, ein Ereignis zu feiern, das sich als ein historisch und symbolisch überaus bedeutsames für seine Zukunft erweisen sollte.
Wahrheit und Legende liegen nahe beieinander in der Geschichte der Schlacht auf dem Amselfeld. Von dem Leiden der Jahre erdrückt und doch voller Hoffnung, sind unserem Volk einige Erinnerungen geblieben. Es verschmähte den Verrat und pries das Heldentum. Deshalb ist es schwierig zu sagen, ob die Schlacht auf dem Amselfeld eine Niederlage oder ein Sieg für das serbische Volk war, ob wir aufgrund dieser Ereignisse in die Sklaverei geraten sind oder dank dieser die Sklaverei überlebt haben.
Die Geschichte und das Volk suchen noch immer die Antwort auf diese Fragen. Eines wissen wir jedoch genau nach all diesen Jahren: Die verlorene Schlacht war weniger das Ergebnis gesellschaftlicher Überlegenheit und militärischer Stärke des Osmanischen Reiches als das Resultat tragischer Uneinigkeit der damaligen Führung des serbischen Staates... Uneinigkeit und Betrug im Kosovo haben die serbische Nation wie ein übles Schicksal während der gesamten Geschichte verfolgt. Und im letzten Krieg hat dieser Dissens und Betrug die serbische Bevölkerung und Serbien in eine Agonie getrieben, deren historische und moralische Konsequenzen die der faschistischen Aggression übertrafen.
Später, als das sozialistische Serbien gegründet wurde, blieb die serbische Führung in diesem neuen Land gespalten und ging auf Kosten der eigenen Bevölkerung viele Kompromisse ein. Kein Volk der Welt könnte unter ethnischen und historischen Gesichtspunkten die Zugeständnisse akzeptieren, welche die verschiedenen serbischen Führer zu Lasten ihres Volkes gemacht haben. Das gilt um so mehr, als die Serben im Laufe ihrer Geschichte andere Völker niemals erobert oder ausgebeutet haben. Der nationale und historische Geist des serbischen Volkes hat sich während seiner gesamten Geschichte und auch während der zwei Weltkriege bis heute als befreiend erwiesen. Die Serben haben ihre Freiheit stets verteidigt und überdies anderen geholfen, sich zu befreien. Und die Tatsache, daß sie in dieser Region eine große Nation sind, ist keine Sünde, derer sich die Serben schämen müßten. Es ist ein Vorzug, den sie gegenüber anderen nie ausspielten. Aber ich muß hier auf dem legendären Feld des Kosovo feststellen, daß die Serben den Vorteil einer großen Nation für sich selbst niemals nutzten.
Die Uneinigkeit unter den serbischen Politikern, verbunden mit einer Vasallenmentalität, trug zur Erniedrigung Serbiens und dazu bei, es minderwertig erscheinen zu lassen. So ging es über Jahre und Jahrzehnte. Heute nun sind wir hier auf dem Amselfeld versammelt, um zu sagen, daß diese Zeit abgelaufen ist...
Serbien ist heute vereint wie andere Republiken auch. Es ist bereit, die materielle und soziale Position seiner Bürger zu verbessern. Wenn es Harmonie, Kooperation und Ernsthaftigkeit gibt, wird es erfolgreich sein. Daher ist der Optimismus, der heute in Serbien mit Blick auf seine Zukunft vorherrscht, realistisch...
Niemals in der Geschichte war Serbien nur von Serben bewohnt. Heute mehr als jemals zuvor leben hier Bürger aller ethnischen und nationalen Gruppen. Dies ist kein Handikap für das Land. Ich bin aufrichtig davon überzeugt, daß dies ein Vorteil ist...
Der Sozialismus als eine progressive und demokratische Gesellschaftsform darf eine Trennung nach Nationalität und Religion im Zusammenleben nicht erlauben. Der einzige Unterschied, der im Sozialismus erlaubt ist, ist der Unterschied zwischen arbeitenden Menschen und denen, die nichts tun, zwischen ehrenhaften und unehrenhaften Menschen. Deshalb verdienen alle, die in Serbien rechtschaffen von ihrer Arbeit leben, den Respekt der anderen. Darüber hinaus muß unser ganzes Land auf dieser Basis organisiert werden. Jugoslawien ist eine multinationale Gesellschaft und kann nur auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung aller hier lebenden Nationen überleben...
Seit Bestehen multinationaler Gesellschaften liegt der Schwachpunkt in den etablierten Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationen. Gleich einem Schwert über ihren Köpfen besteht eine konstante Drohung, daß eines Tages eine Nation durch andere bedroht werden und eine Welle freigesetzt werden könnte, die mit Verdächtigungen, Anklagen und Intoleranz behaftet und schwer zu stoppen ist. Innere und äußere Feinde derartiger Gesellschaften wissen dies und trachten deshalb danach, innerethnische Konflikte zu stimulieren. Wir verhalten uns heute in Jugoslawien so, als ob diese Erfahrung für uns absolut unbekannt sei und als ob wir in der entfernten und nahen Vergangenheit die Tragödie nationaler Konflikte nicht erfahren hätten, die es zu durchstehen und zu überleben galt. Gleichberechtigte und harmonische Beziehungen zwischen den Völkern Jugoslawiens sind die unumgänglichen Bedingungen für den wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand des Landes. In dieser Beziehung unterscheidet sich Jugoslawien nicht von anderen modernen Nationen der entwickelten Welt. Diese Welt ist mehr und mehr gekennzeichnet durch Toleranz, Kooperation und nationale Gleichberechtigung. Die moderne wirtschaftliche und technische, aber auch politische und kulturelle Entwicklung hat die verschiedenen Völker zusammengeführt, macht sie auch voneinander abhängig und untereinander gleichberechtigt. In die Zivilisation, zu der sich die Menschheit hin bewegt, können wir als gleichberechtigte und geeinte Menschen eintreten. Wenn wir den Weg in eine solche Zivilisation aber nicht anführen können, so brauchen wir uns auch nicht hinten anzuschließen.
Zur Zeit der berühmten Kosovo-Schlacht haben die Menschen die Sterne um Hilfe gebeten. Heute, sechs Jahrhunderte später, schauen sie wieder in die Sterne und bitten für den Sieg. Damals schien es so, daß sie sich Uneinigkeit, Haß und Betrug erlauben konnten, da sie in kleineren, untereinander kaum verbundenen Welten lebten. Heute, als Bewohner des Planeten, können sie weder diesen noch gar fremde Planeten erobern, sofern sie nicht in Harmonie und Solidarität leben. Nirgendwo auf dem Boden unserer Heimat haben die Worte Harmonie, Solidarität und Kooperation mehr Bedeutung als hier auf dem Amselfeld, das aus historischer Sicht das Symbol für Uneinigkeit und Verrat ist.
Dem serbischen Volk bleibt die Zwietracht, die zur militärischen Niederlage führte, schicksalhaft in Erinnerung. Serbien hat seine Uneinigkeit über fünf Jahrhunderte als ein einziges großes Unglück erfahren. Daraus ist für uns als Nation die Verpflichtung erwachsen, dies in Zukunft zu vermeiden, um vor Niederlagen, Versagen, und Stagnation ein für allemal geschützt zu sein. Dem serbischen Volk ist in diesem Jahr die Notwendigkeit der Eintracht als Voraussetzung für seine weitere Entwicklung wie nie zuvor bewußt geworden.
Ich bin sicher, daß dieses Bewußtsein das erfolgreiche Funktionieren Serbiens als Staat gewährleisten wird. Das im Kosovo zu betonen ergibt einen besonderen Sinn, weil es gerade hier gewesen ist, wo Uneinigkeit einst in tragischer Form dieses Serbien für Jahrzehnte zurückgeworfen hat und wo es nun durch Eintracht seine verlorene Würde wiedergewinnen kann...Die Kosovo-Schlacht ist überdies zu einem Symbol des Heroismus geworden - einem Symbol, dem Gedichte, Tänze, Literatur und Romane gewidmet wurden. Über sechs Jahrhunderte hat der Kosovo-Heroismus unsere Kreativität inspiriert, den Stolz genährt und uns davor bewahrt, zu vergessen, daß wir einst eine große und tapfere Armee waren und stolz darauf, auch in der Niederlage unbesiegbar zu sein.
Sechs Jahrhunderte später befinden wir uns wieder in Kriegen und werden mit neuen Schlachten konfrontiert. Dies sind keine bewaffneten Schlachten, obwohl diese nicht ausgeschlossen werden können. Aber unabhängig von der Art der Schlachten können diese nicht gewonnen werden ohne Entscheidungskraft, Tapferkeit und Selbstaufopferung - Qualitäten, die im Kosovo so lange vorher schon gang und gäbe waren. Unser heute wichtigster Kampf gilt dem Ziel, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und allgemeinen sozialen Wohlstand zu erreichen. Für dieses auch zivilisatorische Bemühen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert benötigen wir besonderen Heroismus. Es erübrigt sich zu sagen, daß.die Tapferkeit, ohne die nichts Ernsthaftes und Großes in der Welt erreicht werden kann, unverändert und auf ewig notwendig bleibt.
Vor sechs Jahrhunderten hat Serbien sich hier auf dem Kosovo heldenhaft selbst verteidigt und auch Europa verteidigt. Folglich erscheint es heute nicht nur ungerecht, sondern auch unhistorisch und absurd, darüber zu diskutieren, ob Serbien zu Europa gehört. Es gehörte immer dazu, heute wie früher. In diesem Geiste streben wir heute danach, eine reiche und demokratische Gesellschaft zu errichten. Und damit tragen wir zum Wohlstand unseres schönen und in diesem Augenblick zu Unrecht gefolterten Landes bei. Und damit helfen wir den Bemühungen aller progressiven Menschen unserer Zeit, die für eine neue und bessere Welt arbeiten.
Möge das Andenken an den Kosovo-Heroismus für immer leben! Lang lebe Serbien! Lang lebe Jugoslawien!"2
Soweit der von der F.A.Z. veröffentlichte Text der vielgenannten und wenig zitierten Amselfeldrede. Manche ihrer Passagen sind nur vor dem historischen Hintergrund der Schlacht und der zugespitzten zwischennationalen Beziehungen in ganz Jugoslawien am Vorabend seines Zerfalls und besonders im südserbischen autonomen Gebiet Kosovo und Metohien zu verstehen, doch das ist hier nicht der Gegenstand der Untersuchung, der Suche. Objekt der Nachforschung sind auch nicht die Abschnitte, in denen die Übersetzer mit der serbokroatischen Sprache etwas großzügig umgegangen sind. Immerhin macht es ja z. B. einen Unterschied, ob man das serbokroatische Wort "bitka" mit "Krieg" oder richtig mit "Schlacht" oder "Kampf" übersetzt, denn Krieg ist eindeutig, aber "Schlachten", Kämpfe, von denen der Redner sprach, gibt es viele, zumindest im damaligen sozialistischen Sprachgebrauch: Aufbauschlachten, Ernteschlachten, Produktionsschlachten oder Kämpfe für die Steigerung der Arbeitsproduktivität, für den Ausbau der Demokratie, für die Erhöhung der Ernteerträge und natürlich für den Frieden und so weiter und so fort. So, wie es nicht unerheblich ist, ob der Präsident sagte: "Sechs Jahrhunderte später befinden wir uns wieder in Kriegen" oder "sechs Jahrhunderte später befinden wir uns wieder in Kämpfen", betonend, daß es sich nicht um bewaffnete handelt, die er allerdings nicht ausschließen konnte - wer kann das schon? - so ist es auch nicht unwesentlich, um nur noch ein Beispiel ziemlich freier Übersetzerkunst zu nennen, ob die Menschen in die Sterne blicken und "für den Sieg bitten", wie es wörtlich in der F.A.Z. hieß und was prächtig zu den herbeigedeutschten "Kriegen" paßte, oder ob sie nach den Sternen schauen, "erwartend, daß sie sie erobern", wie der Redner etwas blumenreich formulierte. Aber wie gesagt, um solche kleinen sprachlichen Tricks mit erheblichen semantischen Auswirkungen geht es hier nicht. Gesucht wird im Redetext das Eintreten von Milosevic für ein ethnisch reines "Großserbien", das Scharping anprangert und das im Text zu finden, die F.A.Z. mit der Ankündigung, die Rede sei von "Chauvinismus durchwirkt", Hoffnung macht. Doch auch ein mehrfaches Studium der Rede fördert kein "Großserbien" und schon gar kein "ethnisch reines" zu Tage, es scheint geradezu, daß der Redner für das Gegenteil eintritt, für den Erhalt Jugoslawiens als "multinationale Gesellschaft" und für "völlige Gleichberechtigung aller hier lebenden Nationen".
Die Behauptung von Scharping, Milosevic habe an diesem Tag von "´Großserbien´ und davon (gesprochen), daß dieses Land ein ethnisch reines sein solle", ist eine Lüge, eine ebenso kurzbeinige wie langatmige. Doch auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" steht nicht so seriös und objektiv da, wie sie sich so gern gibt und zuweilen auch ist. Wer sich den von ihr veröffentlichten Redetext genau ansieht, der wird neben den Kunststücken und -griffen der Übersetzer an einigen Stellen die bekannten Auslassungspünktchen finden. Der Gutgläubige wird annehmen, es handele sich um die aus Platzgründen erfolgte Auslassung einiger nebensächlicher, unwesentlicher Sätze. Der Argwöhnige - und der Autor bekennt sich zu derartiger skeptischer Betrachtungsweise - vermutet mehr. Er nimmt, so er des Serbokroatischen mächtig ist, den in der Belgrader "Politika" am 29. Juni 1989 veröffentlichten authentischen Text zur Hand und wird zum zweiten Mal fündig, allerdings anders als von Scharping behauptet. Hinter den unscheinbaren Auslassungspünktchen, zuweilen wird selbst auf diese verzichtet, verbergen sich Sätze, die nun schon gar nicht in das Diffamierungskonzept der Serbenhasser passen. Die F.A.Z. (oder auch die von ihr genannte Quelle) hat Worte, Sätze und Passagen weggelassen, die für sich sprechen, deren voller Sinn sich aber erst dann erschließt, wenn sie an den Stellen eingefügt werden, an denen sie der Festredner ausgesprochen hat. So bleibt dem Autor, will er das Weggelassene nicht wahlos aneinanderreihen, nur die Möglichkeit, den interessierten Leser ein zweites Mal einzuladen, die Rede durchzusehen, nun allerdings den tatsächlichen Wortlaut, in dem die in der F.A.Z. nicht zu findenden Teile in Kursiv und Fettdruck und die bisher sinnentstellend oder ein wenig großzügig übersetzten lediglich in Kursiv markiert sind. Auf diese Art und Weise gerät man zwar in den bekannten Verdacht, auf vielfachen Wunsch der Leser den Leitartikel von gestern noch einmal abzudrucken, im vorliegenden Fall mit dem Unterschied, daß sich der heutige nicht nur geringfügig vom gestrigen unterscheidet. Hier also der Wortlaut der Rede von Milosevic, wie er am 28. Juni 1989 vor mehr als einer Million Ohrenzeugen aus Serbien und aus ganz Jugoslawien vorgetragen wurde:
"Freunde! Genossen!
An diesem Platz, auf diesem Fleck im Herzen von Serbien, auf dem Amselfeld des Kosovo, fand vor 600 Jahren eine der größten Schlachten aller Zeiten statt. Wie bei allen großen Ereignissen blieb auch dieses von vielen Fragen und Geheimnissen geprägt, die immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und gewöhnlicher volkstümlicher Neugier waren.
Der 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld fällt auf ein Jahr, in dem Serbien seine nationale und geistige Integrität wiedererlangt hat. Deshalb ist es für uns nicht so schwer, die seit jeher gestellte Frage zu beantworten: ´Was können wir Milos, dem Helden der Schlacht auf dem Amselfeld, heutzutage präsentieren?´. Im ungewissen Lauf der Geschichte und des Lebens scheint es, daß Serbien in diesem Jahr 1989 sein Staatswesen und seine Würde zurückgewonnen und somit Grund hat, ein Ereignis zu feiern, das sich als ein historisch und symbolisch überaus bedeutsames für seine Zukunft erweisen sollte.
Heute ist es schwer zu sagen, was in der Schlacht auf dem Amselfeld geschichtliche Wahrheit und was Legende ist. Heute ist das auch nicht mehr wichtig. Niedergedrückt vom Leid und voller Hoffnung hat das Volk sich erinnert und vergessen. Wie übrigens jedes Volk auf der Welt. Es schämte sich des Verrates und pries das Heldentum. Deshalb ist es schwierig zu sagen, ob die Schlacht auf dem Amselfeld eine Niederlage oder ein Sieg für das serbische Volk war, ob wir aufgrund dieser Ereignisse in die Sklaverei geraten sind oder dank dieser die Sklaverei überlebt haben.
Die Wissenschaft und das Volk suchen unabläßig die Antwort auf diese Fragen. Das, was bekannt ist nach all diesen hinter uns liegenden Jahrhunderten, ist, daß uns vor 600 Jahren die Zwietracht ereilte. Die verlorene Schlacht war weniger das Ergebnis gesellschaftlicher Überlegenheit und militärischer Stärke des Osmanischen Reiches als das Resultat tragischer Uneinigkeit der damaligen Führung des serbischen Staates. Damals, in jenem fernen 1389, war das Osmanische Reich nicht nur stärker als das serbische, es war auch glücklicher als das serbische. Uneinigkeit und Verrat im Kosovo haben die serbische Nation wie ein übles Schicksal während der gesamten Geschichte verfolgt. Und im letzten Krieg haben diese Uneinigkeit und Verrat das serbische Volk und Serbien in eine Agonie getrieben, deren historische und moralische Konsequenzen die der faschistischen Aggression übertrafen.
Später, als das sozialistische Jugoslawien gegründet wurde, blieb die serbische Führung in diesem neuen Land gespalten und ging auf Kosten der eigenen Bevölkerung viele Kompromisse ein. Kein Volk der Welt könnte unter ethnischen und historischen Gesichtspunkten die Zugeständnisse akzeptieren, welche die verschiedenen serbischen Führer zu Lasten ihres Volkes gemacht haben. Das gilt um so mehr, als die Serben im Laufe ihrer Geschichte andere Völker niemals erobert oder ausgebeutet haben. Das nationale und historische Wesen des serbischen Volkes war während seiner gesamten Geschichte und auch während der zwei Weltkriege bis heute vom Geist der Befreiung geprägt. Sie haben sich stets selbst befreit und wenn sie dazu in der Lage waren, anderen geholfen, sich zu befreien. Und die Tatsache, daß sie in dieser Region ein großes Volk sind, ist keine Sünde, derer sich die Serben schämen müßten. Es ist ein Vorzug, den sie gegenüber anderen nie ausspielten. Aber ich muß hier auf dem legendären Feld des Kosovo feststellen, daß die Serben den Vorteil eines großen Volkes für sich selbst niemals nutzten.
Die Uneinigkeit unter den serbischen Politikern, verbunden mit einer Vasallenmentalität, trug zur Erniedrigung Serbiens und dazu bei, es minderwertig erscheinen zu lassen. So ging es über Jahre und Jahrzehnte. Heute nun sind wir hier auf dem Amselfeld versammelt, um zu sagen, daß das nicht mehr so ist. Es gibt deshalb in Serbien keinen geeigneteren Platz als das Amselfeld, um das zu sagen. Und es gibt deshalb in Serbien keinen geeigneteren Platz als das Amselfeld, um zu sagen, daß die Eintracht in Serbien dem serbischen Volk und Serbien und jedem seiner Bürger, ungeachtet seiner nationalen und religiösen Zugehörigkeit Prosperität ermöglichen wird.
Serbien ist heute vereint, gleichberechtigt mit den anderen Republiken und bereit, alles zu tun, um das materielle und gesellschaftliche Leben aller seiner Bürger zu verbessern. Wenn es Harmonie, Kooperation und Ernsthaftigkeit gibt, wird es darin auch erfolgreich sein. Daher ist der Optimismus, der heute in Serbien mit Blick auf seine Zukunft vorherrscht, realistisch, umso mehr, da er auf der Freiheit begründet ist, die es allen Menschen ermöglicht, ihre positiven, schöpferischen, humanen Fähigkeiten für die erfolgreiche Entwicklung des gesellschaftlichen und des eigenen Lebens auszuprägen.
Niemals in der Geschichte war Serbien nur von Serben bewohnt. Heute mehr als jemals zuvor leben hier Bürger aller ethnischen und nationalen Gruppen. Dies ist kein Handikap für das Land. Ich bin aufrichtig davon überzeugt, daß dies sein Vorzug ist. In diesem Sinne ändert sich die nationale Zusammensetzung fast aller und besonders der entwickelten Länder der gegenwärtigen Welt. Immer mehr und immer erfolgreicher leben Bürger verschiedener Nationalitäten, unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Rassen zusammen.
Der Sozialismus als eine progressive und gerechte demokratische Gesellschaftsform darf eine Trennung nach Nationalität und Religion im Zusammenleben nicht erlauben. Der einzige Unterschied, der im Sozialismus erlaubt ist, ist der Unterschied zwischen arbeitenden Menschen und denen, die nichts tun, zwischen ehrenhaften und unehrenhaften Menschen. Deshalb sind alle, die in Serbien von ihrer Arbeit leben, redlich und die anderen Menschen und die anderen Nationen achtend, in ihrer Republik zuhause. Übrigens muß unser ganzes Land auf dieser Basis organisiert werden. Jugoslawien ist eine multinationale Gesellschaft und kann nur auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung aller hier lebenden Nationen überleben.
Die Krise, in die Jugoslawien geraten ist, führte zu nationalen, aber auch zu sozialen, kulturellen, religiösen und vielen anderen minder wichtigen Spaltungen. Unter all diesen Spaltungen erwiesen sich die nationalen als die dramatischsten. Ihre Überwindung wird die Beseitigung der anderen Spaltungen erleichtern und die Folgen lindern, die die anderen Teilungen hervorgerufen haben.
Seit Bestehen multinationaler Gesellschaften liegt der Schwachpunkt in den etablierten Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationen. Gleich einem Schwert über ihren Köpfen besteht eine konstante Drohung, daß eines Tages eine Nation durch andere bedroht werden und eine Welle freigesetzt werden könnte, die mit Verdächtigungen, Anklagen und Intoleranz behaftet und schwer zu stoppen ist. Innere und äußere Feinde derartiger Gesellschaften wissen dies und trachten deshalb danach, innerethnische Konflikte zu stimulieren. Wir verhalten uns heute in Jugoslawien so, als ob diese Erfahrung für uns absolut unbekannt sei und als ob wir in der entfernten und nahen Vergangenheit die Tragödie nationaler Konflikte nicht erfahren hätten, die es zu durchstehen und zu überleben galt. Gleichberechtigte und harmonische Beziehungen zwischen den Völkern Jugoslawiens sind die unumgänglichen Bedingungen für den Bestand Jugoslawiens, für seinen Weg aus der Krise und besonders für den wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand des Landes. In dieser Beziehung unterscheidet sich Jugoslawien nicht von anderen modernen Nationen der entwickelten Welt. Diese Welt ist mehr und mehr gekennzeichnet durch nationale Toleranz, nationale Kooperation und nationale Gleichberechtigung. Die moderne wirtschaftliche und technische, aber auch politische und kulturelle Entwicklung hat die verschiedenen Völker zusammengeführt, macht sie auch voneinander abhängig und immer mehr untereinander gleichberechtigt. In die Zivilisation, zu der sich die Menschheit hin bewegt, können vor allem gleichberechtigte und geeinte Menschen eintreten. Wenn wir den Weg in eine solche Zivilisation auch nicht anführen können, so brauchen wir uns auch nicht hinten anzuschließen.
Zur Zeit der berühmten Kosovo-Schlacht haben die Menschen die Sterne um Hilfe gebeten. Heute, sechs Jahrhunderte später, schauen sie wieder in die Sterne, erwartend, daß sie sie erobern. Damals schien es so, daß sie sich Uneinigkeit, Haß und Betrug erlauben konnten, da sie in kleineren, untereinander kaum verbundenen Welten lebten. Heute, als Bewohner des Planeten, können sie weder diesen noch gar fremde Planeten erobern, sofern sie nicht in Harmonie und Solidarität leben. Nirgendwo auf dem Boden unserer Heimat haben die Worte Harmonie, Solidarität und Kooperation mehr Bedeutung als hier auf dem Amselfeld, das ein Symbol für Uneinigkeit und Verrat ist.
In der Erinnerung des serbischen Volkes war diese Uneinigkeit entscheidend für die Niederlage in der Schlacht und für das schlimme Schicksal, das Serbien volle fünf Jahrhunderte zu ertragen hatte. Und selbst wenn es vom historischen Standpunkt aus nicht so gewesen ist, ist es gewiß, daß das Volk seine Uneinigkeit als sein größtes Unglück erlebt hat. Deshalb ist es die Verpflichtung des Volkes, daß es sie selbst beseitigt, um sich zukünftig vor Niederlagen, Mißerfolg und Stagnation zu schützen. Dem Volk in Serbien ist in diesem Jahr die Notwendigkeit der Eintracht als Voraussetzung für sein gegenwärtiges Leben und für seine weitere Entwicklung wie nie zuvor bewußt geworden.
Ich bin überzeugt, daß dieses Bewußtsein hinsichtlich der Eintracht und Einheit es Serbien ermöglichen wird, nicht nur als Staat, sondern als ein erfolgreicher Staat zu funktionieren. Das im Kosovo zu betonen ergibt einen besonderen Sinn, weil es gerade hier gewesen ist, wo Uneinigkeit einst in tragischer Form dieses Serbien für Jahrhunderte zurückgeworfen und bedroht hat und wo es durch eine erneuerte Eintracht vorankommen und seine verlorene Würde wiedergewinnen kann. Und dieses Bewußtsein hinsichtlich der gegenseitigen Beziehungen stellt eine elementare Notwendigkeit auch für Jugoslawien dar, denn sein Schickal befindet sich in den vereinten Händen aller seiner Völker. Die Kosovo-Schlacht ist überdies zu einem Symbol des Heroismus geworden - einem Symbol, dem Gedichte, Tänze, Literatur und Romane gewidmet wurden. Über sechs Jahrhunderte hat der Kosovo-Heroismus unsere Kreativität inspiriert, den Stolz genährt und uns davor bewahrt, zu vergessen, daß wir einst eine große und tapfere Armee waren und stolz darauf, auch in der Niederlage unbesiegbar zu sein.
Sechs Jahrhunderte später befinden wir uns wieder in Kämpfen und vor Kämpfen. Dies sind keine bewaffneten Kämpfe, obwohl diese nicht ausgeschlossen werden können. Aber unabhängig von der Art der Schlachten können diese nicht gewonnen werden ohne Entscheidungskraft, Tapferkeit und Selbstaufopferung - Eigenschaften, die im Kosovo so lange vorher schon gang und gäbe waren. Unser heute wichtigster Kampf gilt dem Ziel, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und allgemeinen sozialen Wohlstand zu erreichen. Für die schnellere und erfolgreichere Annäherung an die Zivilisation, in der die Menschen im 21. Jahrhundert leben werden, ist Heldentum besonders notwendig. Natürlich Heldentum anderer Art.. Es erübrigt sich zu sagen, daß.die Tapferkeit, ohne die nichts Ernsthaftes und Großes in der Welt erreicht werden kann, unverändert und auf ewig notwendig bleibt.
Vor sechs Jahrhunderten hat Serbien sich hier auf dem Kosovo heldenhaft selbst verteidigt und auch Europa verteidigt. Es befand sich damals an seinem Schutzwall, der die europäische Kultur, Religion, die europäische Gesellschaft im Ganzen schützte. Folglich erscheint es heute nicht nur ungerecht, sondern auch unhistorisch und absurd, darüber zu diskutieren, ob Serbien zu Europa gehört. Es gehörte immer dazu, heute wie früher. Natürlich auf seine Art und Weise, die es im historischen Sinne niemals seiner Würde beraubte. In diesem Geiste streben wir heute danach, eine reiche und demokratische Gesellschaft zu errichten. Und damit tragen wir zum Wohlstand unseres schönen und in diesem Augenblick zu Unrecht geplagten Landes bei. Und damit helfen wir den Bemühungen aller progressiven Menschen unserer Zeit, die für eine neue und bessere Welt arbeiten.
Möge das Andenken an den Kosovo-Heroismus für immer leben! Lang lebe Serbien! Lang lebe Jugoslawien!
Es lebe der Frieden und die Brüderlichkeit zwischen den Völkern!3
Auch hier kann man unterschiedlichster Auffassung sein - darüber, ob das Massenmeeting zum 600. Jubiläum der historischen und zum Mythos gewordenen Schlacht auf dem Amselfeld dazu beitrug, den separatistischen Kräften in Kosovo und Metohien ihre Grenzen aufzuzeigen und sie zumindest zeitweilig zurückzudrängen, oder ob es, von den Kosovo-Albanern als Provokation empfunden, den zwischennationalen Konflikt in dem autonomen Gebiet zusätzlich anheizte; ob die Rede von Milosevic vor dem Hintergrund der sich rapide verschärfenden Krise in der SFRJ die Kräfte stärkte, die wie der Redner für den Erhalt der jugoslawischen Föderation eintraten, oder jene, die ihren Zerfall betrieben; ob einige Passagen der Ansprache heute, nach den blutigen Bürgerkriegen, einen anderen Beigeschmack und ein anderes Gewicht erhalten und ob der Redner sie nach den Erfahrungen des folgenden Jahrzehnts nicht anders formuliert hätte? Eines jedoch darf man nicht behaupten, nämlich, daß Milosevic auf dem Amselfeld für ein "ethnisch reines" Serbien, und dazu noch für ein großes eingetreten sei.
Natürlich setzt sich derjenige, der den Wortlaut einer Ansprache von Milosevic in den eigenen Buchtext aufnimmt, und das gleich zweimal, dem Verdacht aus, den Redner reinwaschen zu wollen oder - noch schlimmer - ein Milosevic-Anhänger zu sein. Doch hier geht es nicht um Milosevic, es geht nicht einmal um die Serben, hier geht es schlicht und einfach um die Entstellung eines historischen Dokumentes mit dem Ziel, nicht nur den Verfasser, sondern ein ganzes Volk ins Unrecht zu setzen. Die Verfälschung einer Rede bleibt eine Fälschung, ganz und gar unabhängig davon, ob man in dem Redner den Erzengel Michael, Anführer der himmlischen Heerscharen im Kampf gegen den Satan, oder den Gottseibeiuns höchstselbst sieht.
Wer, wie die F.A.Z., das Eintreten des serbischen Präsidenten für die Überwindung der dramatischen nationalen Teilungen in Jugoslawien, für gleichberechtigte und harmonische Beziehungen zwischen den Völkern Jugoslawiens als unumgängliche Bedingungen für den wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand des Landes, für die Eintracht in Serbien als Voraussetzung für das Wohlergehen aller seiner Bürger, ungeachtet ihrer nationalen und religiösen Zugehörigkeit, als "Chauvinismus" diffamiert, entstellt die Wahrheit und versucht, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Wer dann noch, wie Scharping, behauptet, der Redner auf dem Amselfeld habe von "Großserbien" gesprochen, der belügt sie. "Großserbien" ist ein außerhalb Serbiens geborenes Hirngespinst, mit dem das Zehn-Millionen-Volk der Serben zum Schreckgespenst auf dem Balkan gemacht und verteufelt wurde.
Nicht minder verlogen ist die Behauptung, Serbien und sein gewählter Präsident seien für ein "ethnisch reines" Land eingetreten. Eine derartige nationalistisch-rassistische Haltung, deren logische Konsequenz eine "Politik der ethnischen Vertreibung" ist, wird ausgerechnet einem Land unterstellt, das mit seinen 26 nationalen Minderheiten der, wie Diana Johnstone feststellte, "am meisten ausgeprägte multi-ethnische Staat auf dem Balkan" ist4 und das im Verlauf des gewaltsamen Zerfalls des früheren Jugoslawiens mittlerweile rund eine Million Flüchtlinge aufgenommen hat, darunter über 300.000 Serben aus der kroatischen Krajina, die mit Hilfe der NATO tatsächlich aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit vertrieben wurden. Erhoben wird der Vertreibungsvorwurf ausgerechnet gegen die Serben, deren Anteil an der Bevölkerung in Kosovo und Metohien seit mehr als einem Jahrhundert sinkt, und bei weitem nicht nur aufgrund der wesentlich höheren Natalität der albanischen Bevölkerung des Gebietes. Zurecht verwies der namhafte Balkanologe Prof. Ernstgert Kalbe auf diesen Umstand, als er resümierte: "Ohne Einbeziehung der Türkenzeit wurden nach serbischer Rechnung zwischen 1876 und 1912 etwa 150.000 Serben, während des Zweiten Weltkrieges 60.000 serbische Siedler und im sozialistischen Jugoslawien in ´den letzten 20 Jahren´, also zwischen 1965 und 1985 nochmals 200.000 Serben aus dem Kosovo exmittiert oder sind ´freiwillig´ gegangen."5 Wer wissen will, wer in Kosovo und Metohien tatsächlich ethnisch vertreibt, der braucht sich nur die Entwicklung der Bevölkerungszusammensetzung des Gebietes nach dem Einmarsch der KFOR-Truppen in Pristina und Prizren, in Orahovac und Pec anzusehen. Für die deutsche Bundeswehrführung kommt diese Entwicklung nicht überraschend. Noch während der deutsche Verteidigungsminister an seinem Buch mit dem schönen Titel "Wir dürfen nicht wegsehen" feilte oder feilen ließ, gab das Amt für Nachrichtenwesen der Bundeswehr, Abteilung II, einen "Leitfaden für Bundeswehrkontigente im Kosovo" heraus, in dem die deutschen KFOR-Soldaten auf Seite 77 lesen konnten: "Das mit fast 700.000 Flüchtlingen aus dem Bürgerkrieg belastete Serbien nahm vermutlich weitere 60.000 ethnische serbische Flüchtlinge bis zu Beginn der Kampfhandlungen aus dem Kosovo auf. Im Zuge der Umsetzung des militärtechnischen Abkommens wird die Masse der auch während der Kampfhandlungen verbliebenen serbischen Wohnbevölkerung (geschätzt 100.000 bis 150.000) das Kosovo verlassen. Dabei dürften Teile nicht nur nach Kern-Serbien, sondern auch nach Montenegro abwandern."6
Die Lüge Scharpings, Milosevic habe in seiner Amselfeldrede von einem "Großserbien" und davon gesprochen, daß dieses Land "ethnisch rein" sein solle, ist nur ein Teil, wenn auch ein sehr wesentlicher, der seit 1990 geführten Kampagne, mit der die Serben dämonisiert und ihr Staatsoberhaupt zum Oberdämon gemacht wurden.
In der langen Geschichte von Kriegen und Interventionen sind die Verteufelung des Gegners und seine Personalisierung keine neue Erscheinung; lediglich die Instrumente der Fälschung, der Propaganda und der Manipulation haben sich im Zeitalter der elektronischen Medien, der Informationsdiktatur, die als "Informationsgesellschaft" daherkommt, perfektioniert. Die NATO-Gutmenschen haben sich ihrer kraftvoll bedient. "Das Maß ihrer Güte", schrieb Walter van Rossum, "ist das Böse: Slobodan Milosevic. Wo der bloße Odem des Bösen Jungfrauen grillt, ist das Gute eine sichere Bank. Die Aufrüstung Milosevics zum pathologischen Genius des Bösen ist das Werk systematischer polit-krimineller Energie. Was hier an Volksverhetzung, Fälschung, konsequenter Propaganda zu hören war und politisch instrumentalisiert wurde, gehört vor einen Gerichtshof."7
Um den serbischen Präsidenten zum "pathologischen Genius des Bösen" aufzurüsten, war jedes Mittel recht - auch die Verfälschung einer Rede, die Hunderttausende gehört haben und deren authentische Fassung schwarz auf weiß vorliegt, durch das Streichen nicht ins Verleumdungskonzept passender Abschnitte und das Hinzufügen von Aussagen, die niemals gemacht wurden. "Das (absolute) Böse", so schätzten Wolfgang Narr und seine Mitautoren in ihrer "Pazifistisch-menschenrechtlichen Streitschrift" ein, "hat wieder einmal Konjunktur. Zum Sich-Grauen. Zum Sich-Rechtfertigen und Mobilisieren. Kriegszeiten und die Begründung von Kriegen eignen sich dafür besonders. Für Kriege braucht man Feinde. Zum Kriegführen muß man rechtfertigen können, warum man andere Menschen massenhaft umbringt. Als Feinde werden andere Menschen gleichsam zum anderen, zum untermenschlichen Wesen verwandelt. Zu Feinden verwandelte Gegner werden vernichtungs´würdig´...So ist es jüngst wieder geschehen. Diese Verwandlung in Feinde, in Böslinge, verbreiterte sich erheblich. Milosevic wurde erneut als anderer Hitler gescheitelt (nun der dritten oder x-ten Ausgabe). Sogar die serbische Bevölkerung, geschlossen zwangsethnisiert, wurde in den Sog des dritten Hitler einbezogen. Als unzivilisiert, barbarisch, in jedem Fall als noch nicht ganz menschlich im westeuropäisch-angelsächsischen Sinn. Das Böse erhielt einen rassischen Zuschnitt: ´die Serben´."8
Das ist der Sinn aller Bösartigkeiten, aller Greuel, aller Untaten, die den Serben zugeschrieben wurden und noch immer werden, obwohl sie nach der politischen Wende in Belgrad so freudestrahlend im "Haus Europa" willkommen geheißen wurden. Wer sich gegen solcher Art Rassismus wehrt, wer Lügen über Serbien und seine Exponenten Lügen nennt, wer nicht zulassen will, daß die Serben als Teufel in Menschengestalt verketzert werden, dabei aber weit davon entfernt ist, sie allesamt zu Engeln zu machen, wer also wie früher schon gemeinsam mit anderen Peter Handkes Worte aufgriff und "Gerechtigkeit auch für Serbien" fordert, der wird noch immer zum "Proserben" gemacht, zum "Bösen" und damit zum Serben selbst.